Der Flug des Garuda – Rezension von Matthias Braeunig

Der Flug des Garuda Titelbild

Der Flug des Garuda Titelbild

Dies ist die zweite, überarbeitete und um einen zusätzlichen Text erweiterte Ausgabe eines für längere Zeit vergriffenen Buches. Als es in seiner ersten Fassung 1982 erschien, war es eine Offenbarung, da zu jener Zeit erst wenige Texte, die die nicht-duale Sichtweise des Dzogchen ausdrücken, in westlichen Sprachen verfügbar waren. Zwar hatten die Schüler einiger bekannter tibetischer Meister zu deren niedergeschriebenen Unterweisungen Zugang, doch außerhalb dieser Zirkel gab es nur wenige klassische Originale. „Der Flug des Garuda“ von Shabkar Lama – einem tibetischen, vagabundierenden Yogi des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts – von dem diese Sammlung ihren Titel hat, war einer dieser als geheim geltenden Texte. Er hat das Potenzial seinen Leser, den Yogi oder die Yogini mit gutem Karma, in einer kreativen Vision spontan zu erleuchten. Der verborgene Sinn dieser dreiundzwanzig Vajra-Lieder mag unsere eigene, innewohnende Kraft zur Selbsterweckung anregen, indem wir für seine Inspirationen empfänglich werden und die gewohnheitsmäßigen Schleier der diskursiven Gedanken und verwirrten Emotionen einmal beiseite treten. Dass dieses Buch nun wieder verfügbar ist und sogar um einen wichtigen fünften Text erweitert wurde, kann als Glücksfall bezeichnet werden.

Es ist in erster Linie Keith Dowman, dem Englischen Übersetzer und Autor zu verdanken, dass dieser Schatz an Weisheiten und Inspiration einem größeren Publikum zugänglich gemacht wurde, und umso mehr, als er diese zweite Ausgabe ermöglicht hat. Auch wenn er anfangs dafür von einigen „Hütern der reinen Lehre“ gescholten und von anderen geschmäht wurde, so hat er doch die Zeichen der Zeit erkannt, dass mit der fortschreitenden Globalisierung und explosionsartig anwachsendem technischen Verfügungswissen die innere Orientierung auf spirituelle Werte nicht auf der Strecke bleiben darf, um diesen Planeten zu retten oder auch das eigene Heilsein zu bewahren. So gibt der Übersetzer jedem Text eine eigene Einführung mit, die es in sich hat: Sie führt nicht nur in die tibetisch-buddhistische Mystik und spezifische Begrifflichkeit ein, sondern leitet den Leser auch an, wie die Texte aufzufassen und zu verdauen sind, indem er den Kontext für ihr Verständnis liefert. Die ein oder andere Ausdrucksweise ist für den Neuling auf diesem Gebiet sicher oft genauso hilfreich wie der nachfolgende Dzogchen-Text selbst.

Shabkars Haupttext, Flug des Garuda, der mit der Einleitung etwa die Hälfte des Buches ausmacht, wird umrahmt und ergänzt von kürzeren Inspirationstexten, die von nicht weniger illustren Autoren stammen. Dem Garuda vorangestellt ist der Text „Die Tiefen der Hölle ausleeren“ von Guru Chowang. Er ist Teil eines Bekenntnisrituals und eine tiefe Reinigung des Geistes von unabsichtlichen Fehlern. Der dem Garuda nachfolgende Schatztext „Das wunscherfüllende Gebet von Kuntu Zangpo“ vom Tertön Rigdzin Godem ist eine starke Meditation, die direkt ins Herz der selbst-referenziellen Buddhadynamik führt. Die „Geheime Anweisung in einem Kranz der Sichtweisen“ von Guru Rinpoche Padmasambhava selbst verfasst, leitet den Leser durch die neun Yanas zur höchsten Sicht des Dzogchen und ermöglicht die Unterscheidung der verschiedenen Pfade und Wege zur Buddhaschaft.

Ist man einmal im Buch bis dahin gelangt und hat die essenzielle Lehre des Dzogchen in seiner Bedeutung erfasst, so bedarf es einer direkten Anleitung, wie diese vollkommene Sicht zu praktizieren ist. Diese Anleitung erhalten wir durch Patrul Rinpoches Grundsätze in „Die außergewöhnliche Wirklichkeit höchster Weisheit“ und seinem eigenen Kommentar dazu. Dieser mittlerweile vielfach anderweitig herausgegebene Text ist in seiner Klarheit und Bestimmtheit kaum zu überbieten. Man sollte sicher gehen, dass man seine drei Aussagen verinnerlicht hat und durch vertiefende Meditation – am besten mit Hilfe eines qualifizierten Lehrers – in die Praxis umzusetzen gelernt hat. Damit wird sich die herausragende Absicht dieses Buches erfüllen.

Rezension von Matthias Braeunig

Der Flug des Garuda, Fünf Dzogchen-Texte aus dem tibetischen Buddhismus, Zusammengestellt und übersetzt von Keith Dowman, Durchgesehene und erweiterte Ausgabe. edition khordong im Wandel Verlag, Berlin, 3.5.2015,  296 Seiten, Klappenbroschur, 20,5×14,5cm, 375g, 21,60€, ISBN: 978-3-942380-19-5

Hier geht es zum Buch

Bücher dieses Autors:

Zum Autor dieses Buches:

Dieser Beitrag wurde unter Rezensionen abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.