Samantabhadras Wunschgebet, auch bekannt als Kunzang Mönlam oder Kuntu Zangpos Wunschgebet, ist eines der bekanntesten Gebete des Dzogchen (der Großen Vollkommenheit), einer Lehre, die in vielen tibetisch-buddhistischen Traditionen praktiziert wird. Es gehört zu den Nördlichen Schätzen (tib. Byang gTer; Jangter), die der große Nyingma-Tertön Rigdzin Gödem (1337–1409) offenbarte. Das Gebet wird besonders zu bestimmten Zeiten rezitiert, wie es die Praxisanweisung am Ende des Textes selbst beschreibt:
„Wenn zu Zeiten einer Sonnen- oder Mondfinsternis …, wenn die Erde bebt oder ungewöhnliche Geräusche von sich gibt, oder zur Sonnenwende oder zum Jahreswechsel sich Yogis und Yoginis als Samantabhadra visualisieren und dieses Wunschgebet rezitieren, sodass alle es hören können, dann wird für alle fühlenden Wesen der drei Welten die Rezitation dieses Wunschgebets durch Yogis und Yoginis stufenweise die Befreiung vom Leiden bewirken, und schließlich erwachen sie alle zur Buddhaschaft!“
Mit den Worten Samantabhadras beschreibt das Gebet, wie die Verwirrung, in der wir leben, aus dem gemeinsamen Grund entsteht, den wir mit allen Buddhas teilen. Erkennen wir den Grund, befreit uns das von allem Leiden und bringt einen Frieden, der von selbst entsteht. Erkennen wir ihn jedoch nicht und halten an den illusorischen Erscheinungen fest, entstehen die vielfältigen Formen des samsarischen Erlebens. Das Gebet vermittelt ein tiefes Verständnis der Sichtweise des Dzogchen und ist ein wundervoller Begleiter für Yogis und erfahrene Praktizierende.
edition khordong im Wandel Verlag berlin, 26.10.2026, 28 Seiten, Rückenstichheftung, mit tibetischem Text, Lautschrift, Wort-zu-Wort-, Zeilen- und Versübersetzung zur einfachen Rezitation und Praxis, 15×22cm, 60g, ISBN: 978-3-942380-42-3, 10,80 €
James Low schreibt in seiner Einführung in dem Buch „Freiheit Finden“ zu diesem Gebet:
Dieser wunderbare kurze Text erklärt präzise den offenen Urgrund, die Basis all dessen, was wir kennen, uns vorstellen können und was wir sind. Dieser Urgrund ist universell für jedwede Erscheinung, gleich, ob es sich dabei um die Erscheinung der Ausstrahlung des Urgrundes handelt oder die Erscheinung eines dumpfen Leugnens seiner Präsenz.
Der Urgrund ist der Schlüssel zur Praxis. Solange wir die unzähligen Ausdrucksformen, die der Urgrund hervorbringt, für reale, unabhängig existente Entitäten halten, missverstehen wir ihr Auftreten, das niemals separiert ist vom Urgrund. Das Missverstehende, die scheinbar autonome, alleinsteuernde Identifikation als Selbst, stellt sich unaufhörlich »Dinge« vor, die eigentlich Illusionen sind. Die Nicht-Zweiheit von Erscheinung und Leerheit ist, sobald sie als solche wahrgenommen wird, die befreiende Klarheit der Leerheit. Durch unser »Greifen« aber kommt es zu einem erfahrungsmäßigen, wenn auch nicht tatsächlichen, Integritätsverlust der Ganzheit. Wir sind dann nur noch Fragmente in einer fragmentierten Welt, die von Ereignissen ständig hin und her geworfen werden.
Uns für den Urgrund zu öffnen und bei ihm, in ihm und als er zu verweilen, ist die tatsächliche Befreiung. Diese immer offene, immer zugängliche Freiheit fortgesetzt zu übersehen führt dazu, dass wir auch zukünftig in den sechs Daseinsbereichen Samsaras umherirren. Die Freiheit ist so nah und doch so fern. Dieser Text ermöglicht uns einem präzisen Plan zu folgen, der uns immer genau zeigt, wo wir uns im Strudel der auftauchenden Erscheinungen in Wirklichkeit befinden.

